
Ergebnisse Internationale Konferenz:
Reaching the marginalised – How to approach Inclusive Education
Düsseldorf, Germany, 10. – 11. September 2009

Internationale Konferenz 10.-11. September 2009
Kinder und Jugendliche, die ethnischen Minderheiten angehören, in städtischen und ländlichen Armutsgebieten leben, von Kinderarbeit betroffen sind oder mit Behinderungen leben, sind nur einige von zahlreichen benachteiligten Gruppen, die in vielen Gesellschaften von der Teilhabe an Bildung ausgeschlossen sind. Allgemeinbildende Inklusive Schulen für Alle sind nach Überzeugung von internationalen Bildungsexperten die wichtigsten Voraussetzungen dafür, dass Kinder aus marginalisierten Bevölkerungsgruppen einen gleichberechtigten Zugang zu Bildung und Ausbildung in ihren Ländern erfahren. Dies gilt angefangen von der Vorschulbildung über die Grundschulbildung bis hin zu weiterführenden Bildungsangeboten.
Auf Einladung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), des UNESCO International Bureau of Education (IBE) und der Peter Ustinov Stiftung trafen sich 80 Experten aus aller Welt und von unterschiedlichen übernationalen wie auch nationalen Organisationen am 10. und 11. September in Schloss Garath in Düsseldorf, um Empfehlungen für Inklusive Bildung als einen künftigen Schwerpunkt der Bildungszusammenarbeit zu entwickeln. Durch Inklusive Bildungsangebote soll das Ziel des UNESCO Programms „Bildung für alle“, bis 2015 allen Kindern weltweit eine qualifizierte Schulausbildung zu ermöglichen, besser erreichbar werden. Dafür müssen nach Ansicht der Konferenzteilnehmer auch der soziale Hintergrund der Familien und die Bildungsbedarfe der betroffenen Kinder und Jugendlichen in die Maßnahmen einbezogen werden.
„Bisher gibt es keine verbindliche Definition der Randgruppen, die von den unterschiedlichen Schulsystemen in aller Welt nicht erfasst werden" stellte die parlamentarische Staatssekretärin im BMZ, Karin Kortmann (MdB), bei der Veranstaltung fest. „Darum ist es ganz wichtig, in dieser Konferenz eine Übereinstimmung zu erzielen, welche Kinder zu den wichtigsten Randgruppen gehören und durch welche Probleme ihnen der Zugang zu den Bildungssystemen ihrer Länder erschwert oder unmöglich gemacht wird. Darüber hinaus sollten wir uns auf Muster-Konzepte einigen, mit denen die Hindernisse beseitigt werden können."
Die Konferenz verständigte sich auf drei Länder in Afrika, Südamerika und Asien, in denen die Empfehlungen der Konferenz beispielhaft umgesetzt werden sollen.Gemeinsam mit den Partnerländern sollen politische Leitlinien und Umsetzungsstrategien einer Inklusiven Bildung, die sich an alle Kinder und Jugendliche richtet, entwickelt werden. Dabei müssen die unterschiedlichen Rahmenbedingungen der Länder berücksichtigt werden, um relevante und qualitative Bildungsangebote in allen Formen und auf allen Bildungsstufen gewährleisten zu können.

Karin Kortmann, Joachim Prey, Igor Ustinov
Die PETER USTINOV STIFTUNG, die sich bereits seit zehn Jahren für benachteiligte Kinder und bessere Bildungschancen engagiert, hat zum Abschluss der internationalen Konferenz zu Inklusiver Bildung die Absicht erklärt, erste Maßnahmen des bis vermutlich Ende diesen Jahres vereinbarten Aktionsplans beispielhaft umzusetzen. Drei Projekte an Muster- schulen auf drei Kontinenten werden initiiert und unterstützt. Damit wird die Peter Ustinov Stiftung einmal wieder ihrem Anspruch gerecht, schnell und direkt Ideen in Projekte umzusetzen. „Durch unser persönliches Engagement und unsere flexible Struktur haben wir die Chance, Menschen unmittelbar vor Ort zu helfen", sagt Igor Ustinov, Vorsitzender des Stiftungsrates und Teilnehmer der Konferenz.
Die Probleme vor Ort sind sehr vielfältig. Verschiedenartige finanzielle Belastungen der Familien, welche durch den Schulbesuch der Kinder entstehen, sind beispielsweise ein wichtiger Hinderungsgrund beim Zugang zu Bildung: „40 Prozent der ärmsten Familien in den Entwicklungsländern müssen zehn Prozent des Familieneinkommens für die Schulbildung der Kinder aufbringen," erläuterte Dina Craissati von UNICEF New York. Dabei sei es schwer, die tatsächlichen Kosten zu erfassen, denn eine einheitliche Statistik gebe es nicht. Zu den Belastungen gehören neben Schulgeld auch Kosten für Bücher, Schuluniformen oder die Teilnahme an bestimmten Schulprogrammen. „In manchen Ländern müssen sich die Eltern auch an der Bezahlung der Lehrer beteiligen", erläuterte Craissati. Sicher sei nach entsprechenden Erfahrungen in Afrika, dass die Zahl der Schüler sprunghaft ansteige, wenn die Kosten für Schule gesenkt oder abgeschafft werden.
Wie unterschiedlich die Herausforderungen für die benachteiligten Gruppen in den verschiedenen Teilen der Welt sind, wurde in den Vorträgen deutlich. Matthias Brenzinger von der Universität Köln erläuterte, dass es in Afrika im Schulalltag vor allem Verständigungsprobleme gebe. Auf dem afrikanischen Kontinent seien 2000 Sprachen erfasst. Welche davon im Unterricht benutzt werden, wie die Kinder aus anderen Sprachgruppen integriert werden und wie eine sprachliche Verarmung in Folge der Einführung allgemeiner Bildung vermieden werden könne, sei vielfach noch ungeklärt.
Zur Zielgruppe der Kinder und Jugendlichen aus städtischen Slums erläuterte Alex Erich von AVEDIS Social Development Consultants, dass mehr als die Hälfte dieser Gruppe in Asien lebe, vor allem in China, Indien und Pakistan. Die Slums wachsen nicht zuletzt, weil die Überlebenschancen in ländlichen Bereichen noch geringer sind. Es wurde darauf hingewiesen, dass Investitionen in die städtischen Gebiete die Probleme verschärfen könnten, weil sie damit den Zustrom in diese urbanen Randbereiche noch verstärkten.
Ein mit städtischer Armut eng verknüpftes Thema ist Kinderarbeit. Laut Patrick Quinn von der International Labour Organisation sind die Bildungslaufbahnen von arbeitenden Kindern vor allem durch einen späten Eintritt sowie frühem Ausscheiden aus dem Bildungssystem gekennzeichnet, da sich Arbeit und Schule meist nicht vereinbaren lassen. Um Kinderarbeit vorzubeugen und zu reduzieren, sei es deshalb entscheidend, Bildungsangebote zu schaffen, die kostenlos, verpflichtend und an die Mobilität der arbeitenden Kinder flexibel anpassbar sind.
Von allgemeinbildenden Inklusiven Bildungssystemen profitieren würden auch Kinder und Jugendliche mit Behinderungen. Jamie Gentile aus Südafrika führte aus, dass 40 der 115 Millionen Kinder und Jugendlichen, die keine Schule besuchen, mit Behinderungen in unterschiedlicher Ausprägung leben. Wenngleich das oberste Ziel die bestmögliche Inklusion von möglichst vielen dieser Kinder in das reguläre Bildungssystem darstellt, so wird es jedoch nach Ansicht der Teilnehmer auch weiterhin für einige Kinder und Jugendliche mit sehr spezifischen Bedarfen eigene Bildungseinrichtungen geben müssen.
Das Grundmodell der von der UNESCO empfohlenen Inklusiven Bildung wird nicht allein in den Entwicklungs- und Schwellenländern umgesetzt. Es eignet sich auch, in wirtschaftlich hochentwickelten Staaten mit ausgebauten Schulsystemen umgesetzt zu werden und eine bessere Ausbildung für benachteiligte Bevölkerungsgruppen zu erreichen. So informierte beispielsweise Pirjo Koivula aus dem Schulministerium in Helsinki, dass Finnland derzeit nach dem Ideal von Inklusiver Bildung die Schulgesetzgebung reformiere. Ziel dieser Reform sei, mit einem gerechten und effizienten Bildungssystem vor allem auch Kinder mit Behinderungen besser zu integrieren.